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    Konstruktion Mensch w/ Moritz Riesenbeck

    Das Problem mit den großen Begriffen: Sie klingen leer. Wie ein Echoraum, dessen Wände zu weit entfernt sind, um sie noch ausmachen zu können, hallen in ihr nur Wiederholungen von bereits Gesagtem, Worthülsen nach. Kein Gegenstand, kein Geräusch, kein Wort besteht in ihr, behält zumindest die eigene Größe, mit der es hineingekommen ist – in diesem Raum schmilzt zusammen, wird dadurch nicht kompakter, sondern letztendlich ungreifbar.

    Übrigens – es schießt mir gerade durch den Kopf, bevor ich es also vergesse – habe ich immer noch nicht verstanden, warum es zwei Bezeichnungen der Mehrzahl von “Wort” gibt: Worte und Wörter. Worin liegt der Unterschied? Oder ist das Bezeichnete einfach so wichtig, dass es zwei davon braucht? Was ist der Plural von Plural?

    Worte, die ich damit meine: Freiheit, Liebe, Leben, Tod.


    Das Gefühl dieser Worte ist das, nachts über den Parkplatz des größten Supermarktes meiner bemerkenswert hässlichen Heimatstadt zu laufen – vermutlich der größte Platz, den diese Stadt gewordenen Trostlosigkeit zu bieten hat(te) – und auf die wehenden Fahnen an dessen Ende zu blicken: man kann nur noch daran glauben, zu gehen, weil man es fühlt. Oder das, mit einem Truck durch die Wüste zu fahren. Das Verloren- und Gefangenheitsgefühl, die Ohnmacht des Nichtfortkommens, Nichteinmalweiterkommens, wurde irgendwann so groß, dass ich versuchte, nicht mehr aus dem Fenster zu sehen, in diese grauenhafte Starrheit. Aber das ist schwer, wenn man in einem Truck durch die Wüste fährt. Und dann ist sie auf einmal vorbei, die Wüste, der Parkplatz, die Verlorenheit, und man erinnert sich, wenn überhaupt, nur an das Herauskommen und nicht daran, wie man hineingekommen ist.

    Manchmal brechen die Orte, Worte, Bedeutungen, die unverrückbaren Tatsachen des Lebens und unentrinnbaren Parkplätze der Bayerischen Tundra aber nun mal über einen herein. Durch eine Art Riss in der Realität, eine Verletzung, von der man vorher vielleicht keine Notiz genommen hatte oder die tatsächlich noch nicht da war, stürzen sie in den uns in Sicherheit wiegenden Trott hinein und reißen den Schleier der Langeweile, durch den alles – das Elend der Obdachlosen am Worringer Platz, der alte Mann an der Kasse, dessen Kleidung vor Dreck starrt, die Mutter, die in der Bahn verstohlen ihr Kind tritt – leicht verwaschen und nicht wirklich relevant wirkte, mit einem Mal ein.Und die großen, leeren Hülsen werden fassbar, im wahrsten Sinne des Wortes: Moritz z.B. hielt auf einmal einen Kopf, den Kopf eines Mannes nach einem Unfall, in den Händen, um ihn am Genick zu stabilisieren. Er durfte nicht knicken, nicht fallen, während eine Form für diesen Kopf gemacht wurde, in der genau so würde liegen können – zumindest für eine Weile, für den Transport ins Krankenhaus. Und als Moritz ihn hielt, dachte er darüber nach, dass diese Form, diese eine Form für genau diesen einen Kopf, jetzt so wichtig ist, aber vielleicht in ein, zwei Stunden, ein wertloser Gegenstand, eine hilflose und überflüssig gewordene Stütze für etwas, das nicht mehr da ist, das nicht mehr gehalten werden muss. Unendlich leer.


    Diese Art von Riss meine ich. Dadurch dringt noch mehr zu uns hindurch als Worte: Gefühle, haptische Empfindungen, Gerüche, Geschmäcker, Geräusche, Satzfetzen und Melodien, … häufig etwas, das uns gerade in diesem Moment nicht aufgefallen ist und für den Fortgang der Geschichte und allen Lebens nebensächlicher nicht sein könnte, wird stellvertretend für diesen einen Moment, der sich in der Zeit dehnt und bis lange danach reicht. Wie zum Beispiel die Königsberger Klopse, in die ich meinen Löffel fallen ließ, als meine Mutter uns vier Kindern mitteilte, dass sie Krebs habe. Ich war neun und die Älteste, wusste, dass das gar keine gute Nachricht war und dass es an mir lag, zu reagieren, damit meine Geschwister, unschuldig und aus meiner Warte betrachtet in dieser Unbedarftheit ein bisschen dumm, weiterhin die Klopse in der Soße herumschubsen konnten. Geriet ich in meinem späteren Leben in eine ähnliche Situation, die, auch wenn man das erst einmal meist nicht wahrhaben will und vielleicht auch nicht kann, einen solchen Riss markieren sollte, erkannte ich sie jedes Mal wieder an dem Mangel an Choreografien, auf die man in solchen Momenten zurückgreifen kann. Wir leben ja alle zum ersten Mal (meiner Theorie nach zumindest) und erleben, bis wir dann das erste Mal sterben, eine Menge erster Male und Begegnungen, immer wieder – zu zahlreich, um jeden davon zu erkennen. Die erste Begegnung mit dem Tod, der Sterblichkeit der Eltern, der Erkenntnis, dass die Eltern Personen sind und dazu auch noch zwei verschiedene, die Einsicht, dass die Eltern gerade vor unseren Augen verschwinden, in ihren eigenen Archiven schlafen und doch keinen Zugang mehr dazu haben … wir können gar nicht gewappnet sein und greifen somit auf das Erste zurück, das uns in den Sinn kommt. Ich ließ also meinen Löffel in den Teller fallen und starrte sie entsetzt an und auch wenn das, falls es so etwas gibt, auf eine Art die “richtige” Reaktion war, weil es ihr spiegelte, dass zumindest eine der vier anwesenden Personen sie verstanden hatte, war es auch der Moment, in dem ich erkannte, wie unglaublich einsam und allein sie in dieser Situation war – die erste Konfrontation mit ihrem eigenen Tod –, in der wir vier Kinder ihr nicht zur Seite stehen konnten, sondern nur in ihrem Rücken, als Last, als Forderung, als Vorwurf. Ich schämte mich noch Jahre dafür, nicht geweint zu haben, kann mich aber an keine Emotion, keine innere oder äußere Reaktion außer das mechanische Fallenlassen, an nichts weiter erinnern außer den Geruch und Geschmack der Königsberger Klopse und ich verstehe nicht, dass nicht verhindert werden konnte, dass dieses Gericht einfach weiter existieren darf.


    Und da finden wir sie, die großen Begriffe, inkarniert im Geruch einer scheußlichen Mahlzeit, in der Abformung eines Kopfes – einer Transportschale –, in einem Anruf, einer Nachricht, einem Zufall, einer Unachtsamkeit, einem beiläufigen Satz, der alles verändert, im plötzlich leeren Gesicht eines uns vertrauten Gegenübers, das in der eigenen Geschichte verloren gegangen ist. Wir stehen in einem ganz normalen Tag, der auf einmal vor uns zerbricht, und da sind sie: Freiheit, Liebe, Leben, Tod. Sehen ganz anders aus, als wir uns das vorgestellt hatten, gekleidet in Momente, die uns von da an immer begleiten und viel entscheiden werden.Wir knallen in diese Fragilität, die uns selten bewusst wird, und sooner or later erwächst daraus ein tiefes Bedürfnis nach Verständigung, Verbindung – mit dieser umfassenden Tatsache, Erfahrung, Unausweichlichkeit eben nicht allein zu sein.

    Der Kunst bzw. denen, die sie schaffen, wird oft ein gewisses Maß an Egozentrik oder Fixiertheit auf die eigenen Befindlichkeiten unterstellt – was natürlich auch nicht immer ganz falsch ist – doch ist das Bedürfnis, sich vor einem solchen Riss, in oder nach einer solchen Situation der Verbundenheit mit und dem Verständnis der Anderen zu vergewissern, nicht auch nachvollziehbar? So wie das Glück, die Erleichterung, relief in Momenten des Wiedererkennens vor Kunstwerken, in Büchern, Interviews, Musik, Überliefertem aller Art … darf ich eine todkranke Person hassen, wenn ich wütend auf sie bin? Darf mir der Fuß einschlafen, wenn ich jemandes Kopf halte, damit sein Genick nicht bricht? Darf ich Aggressionen einer Person gegenüber verspüren, die schwächer, älter, kränker ist als ich, vielleicht sogar auf mich angewiesen? Und wenn ich es schon tue: wohin damit, aus all dieser Einsamkeit heraus, wo sind denn jetzt die anderen?


    Künstlerische Arbeit ist oft die Arbeit am Riss, und je weiter dieser von unserer Alltagsrealität entfernt ist, desto wichtiger wird das Schaffen eines Zugangs zu dieser Situation als Ziel der Arbeit. Es geht eben nicht darum, das Selbst als einziges Individuum darzustellen, das so etwas erlebt oder empfunden hat, sondern darum, sich so weit vom Subjekt zu entfernen, dass dieses Erleben, so schmerzhaft es auch sein mag, Material werden kann. Es geht darum, zu begreifen, dass dies ein Moment ist, den man teilen kann – und der Widerhall finden wird. Bestenfalls eine verbindende, vielleicht sogar heilsame Erfahrung für beide – betrachtende und schaffende Person – und ein wesentlicher (Mit)Grund dafür, in einem so intimen, fragilen und prekären Bereich zu arbeiten, sich aus einer vulnerablen Position heraus Dingen zu stellen, damit zu arbeiten und sie letztendlich loszulassen, als etwas Eigenes, für sich Stehendes.

    Auf dem Weg dorthin führen sie uns zu weiteren, ver-rückten, seltsam-verletzlichen, komisch-absurden Umgebungen und Geschehnissen, das Paradox des Lebens spiegelt sich im Paradox dieses Berufes. So fand Moritz sich bei einer Wanderung über ein schier endloses verlassenes Firmengelände auf dem Land wieder, auf dem Weg zu einer Fabrik, die Crash-Test-Dummys für Unfalltests herstellt, die Gegenform zur Transportschale. Das, was nicht zerbrechen darf, geschaffen, um auf möglichst ähnliche Weise zu dem, was nicht zerbrechen darf, zu zerbrechen, um auf Basis dessen verhindern zu können, dass so etwas (ein Körper, irgendeiner) jemals zerbricht. Zum Scheitern verurteilt, aber mit einer für Medizin und anderen Versicherungsstrategien typischen Systematik einer Konstruktion vom Leben, die so nicht funktionieren kann – aber aus Mangel an Alternativen besteht.


    Es gibt so viele Stellen, an denen sich Kunst und Leben überlappen und das eine zum anderen wird oder sich mischt oder reagiert oder verliert, wie es krude Situationen und Unternehmungen gibt, um an eben genau diese Stellen zu gelangen. Kein Wunder, dass sich bird watching so großer Beliebtheit erfreut: fights & fucks mit klanglicher Untermalung, die Dramen in kleinen Herzen, geschützt von den stärksten rib cages der Welt. Miniaturwelt, Probedurchlauf, Testdummy.

    Was bleibt, ist die Unausweichlichkeit dieser Erkenntnisse, die eigene Kleinheit gegenüber den großen Worten, die Großes bedeuten und die Verlorenheit gegenüber all dem, gefüttert durch Informationen wie die, dass die Erdoberfläche im Verhältnis etwa so dick wie die Haut eines Pfirsichs ist, dass ein Genickbruch zwar nicht immer tödlich ist, es zur Vereinfachung des Procederes aber Videos wie “Knick-Knack. So brichst du jemandem das Genick” dazu gibt und dass nicht nur Köpfe, sondern Menschen in Gänze zerbrechen können, ohne dass es rechtzeitig jemand bemerkt. Und dass keine Lebensbewältigungsstrategie, kein Sicherheitsnetz und kein ausgeklügeltes System all das verhindern, verändern oder mildern kann, zumindest nicht aus sich heraus.

    Was bleibt, ist die Möglichkeit, sich im Anderen wiederzufinden, der Versuch, sich verständlich zu machen und die Entscheidung, nicht wegzusehen. Dem Vergessen und der Verdrängung keinen allzu großen Raum zu geben. Cry when it’s time to cry and play when it’s time to play. Die Akzeptanz des Unveränderlichen kann auch eine Befreiung, eine neue Leichtigkeit auf dem Weg zu unserem immer wieder neu erscheinenden, wahrscheinlich aber immer gleich bleibenden Ziel: nur für einen Moment nicht allein durch die Wüste zu fahren, nicht allein auf dem nächtlichen Parkplatz verloren zu sein.


    Moritz nannte als Beam-back-to-childhood-scent alten Zigarettenrauch.


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    Moritz Riesenbeck, geboren 1991, studiert zunächst Architektur in Münster und arbeitet dort als Tutor im Department Geschichte und Theorie. Parallel beginnt er ein Studium für Kunst im öffentlichen Raum an der Kunstakademie Münster und wechselt 2018 in die Klasse von Prof. Gregor Schneider an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er 2022 als Meisterschüler abschließt.

    In seiner künstlerischen Praxis beschäftigt ihn das Reale, die Erinnerungen, die Spuren, die Emotionen, die wir hinterlassen und durch die wir unsere Wirklichkeiten konstruieren. Unsere Verbindungen zu Orten, Architekturen und Objekten sind durch diese Faktoren bedingt und werden durch seine Eingriffe gesucht und erfahrbar gemacht.

    Riesenbeck ist Gründungsmitglied des About Repetition e.V., des Sono-Kollektiv, sowie Mitwirkender der Gruppe Impersonal Figure und ist seit 2023 Dozent an der ABK-Stuttgart in den Fachgruppen Architektur und Design.

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