Zwischenbilanz
oder: heimlich glitzern

Neulich habe ich nachgedacht – nicht, um etwas herauszufinden oder zu überdenken, sondern so, wie andere Leute spazieren gehen und wie ich mir oft vornehme, es auch zu tun und dann vergesse, weil ich stattdessen versehentlich weiterdenke. Selten denke ich dabei nur eine Sache gleichzeitig und die dann zu Ende, aber mir fehlte in letzter Zeit beim Herumdenken immer wieder etwas Bestimmtes, und nach einer Weile hatte ich es: Eine Obsession. Einen plötzlichen Crush, der auf Unwissenheit aufbaut und durch Träumerei erst richtig groß wird, eine Verliebtheit, die ich selbst als »Narretei« bezeichnet hätte, denn in dieser vermute ich unendliche Freiheit.
Vielleicht habe ich eventuelle Verliebtheiten aber auch so sehr verborgen, dass ich sie am Ende selbst vergessen habe. Oder schlichtweg übersehen, weil ich traurig war. Jedenfalls fehlte mir das Gefühl, auf etwas oder jemanden zu warten, die luftige Aufgeregtheit, der angenehme Kontrollverlust – etwas zu haben, auf das sich immer wieder zurückkommen lässt: ein Luftschloss, das verspricht, immer luftig und unstet zu bleiben.

Die Verliebtheit ist ein ungemein interessanter Zustand, interessant genug für mindestens eine weitere Überlegung – die allerdings nicht von mir sein muss, denn andere kennen sie auch, haben sie vielleicht sogar tiefer ergründet. Ich werde sie jetzt also fragen, diese anderen – Freund*innen, andere im fiktiven Raum Marodierende, und alle, von denen ich denke, dass sie entweder das Verlieben oder das Leben (oder beides) möglicherweise besser, jedenfalls aber anders versucht haben als ich.
Bestimmt haben sie neue Ideen und spannende Crushes.
Es gibt so viel zu teilen: ein (manchmal verloren gegangenes und doch immer wieder gefundenes) persönliches Paradies, eine Zeitreise-Maschine (frühere Lieblingssongs, oder eine Süßigkeit aus der Kindheit), Schlachtfelder und Gerangel, neue Neurosen, und dann wäre da noch all das Essen – daher gedenke ich, gute Gespräche in Zukunft lieber auf einem Joghurt mit solidem Fettanteil aufzubauen als auf Kunst, so wie es hier ursprünglich gedacht war (dazu komme ich gleich nochmal). Oder auf persönlichen Rezeptbüchern, die auch nichts anderes sind als In- & Out-Listen.
Deswegen werde ich tun, was mir vor langer Zeit als Einstieg in die Malerei empfohlen wurde (»kopieren, kopieren, kopieren«) und mir, neben der Beschaffung allen Essens, über das hier hoffentlich geredet wird, über die Dinge den Kopf zerbrechen, die sich ohnehin in diesem Kopf stapeln und raus wollen (ob ein Glitzer-Piece und Glitzer-Body-Oil zu viel ist, zum Beispiel, und warum es an keinem Ort genauso riecht wie damals bei SCHLECKER).
Währenddessen werden meistens andere hierfür schreiben oder Gefundenes teilen.

Es gibt so vieles, in das man sich vorübergehend verlieben kann: Einen Gedanken, eine Farbe, einen Duft, einen Song oder die Sängerin, die ihn singt, in einen Weg, einen Snack, eine Tages- oder Nachtzeit, oder, am allerbesten: eine Zwischendrinzeit … die Liste ist vermutlich unendlich lang. Ich jedenfalls habe noch kein Ende gefunden, und das, was ich hier »verlieben« nenne, ist mein Lieblingshobby. Diese Liste zu beenden, würde also mindestens das Ende meiner liebsten Beschäftigung, wahrscheinlich aber auch das Ende aller künstlerischen Arbeit für mich bedeuten, daher lege ich es nicht drauf an.
Am nachhaltigsten sind Crushketten, sie verlängern die Intensitäts- und Lebensdauer der Begeisterung von HubbaBubba auf Wrigley’s, und das kann für die (Nicht-) Transformation einer Fixiertheit in eine künstlerische Arbeit – oder zumindest in eine vorübergehende Identität oder Phase, die Spaß bedeutet – entscheidend sein. So zum Beispiel:
Ein bestimmtes Haus mit Glasdach – Blaue Stunde – Tee mit Milch
oder
Dillhering – Cinnamon & Tears – abends um 10 (heimlich) aus dem Fenster rauchen
oder
Weißer Oleander – Vanilletee mit Pfeffer & Chili – Calissons
oder
Every song von Sofie Royer – Office Core – Pistazien & Sugarfree Cherry Lemonade
oder
1 neue Person (Haltbarkeit: solange neu) – sehr scharfe Suppe – weiße, zu dünne Socken
oder
Regentag (20 Grad und Fadenregen) – A-HA – Fantazigaretten
tbc.

Ich werde ab jetzt also andere um ihre Gedanken und Crushketten bitten, zu dem, was ich liebe und worüber ich noch lange nicht genug weiß:
(ver)lieben – malen – snacken – kleiden – arbeiten – spielen – tanzen
Bestimmt werden sich einige dieser Themenbereiche überlappen, möglicherweise werden andere dafür vergessen. Was ich mir aber von der gesammelten Weisheit aller hier erhoffe: Tricks!
Ich liebe Tricks.
Und wahrscheinlich brauche ich jetzt auch mindestens einen Trick.
Denn ich glaube, man kann sich nicht gut verlieben, wenn man noch Liebeskummer hat. Das klingt vielleicht ein bisschen dramatisch, aber ich verarbeite gerade einen Verlust, den ich noch nicht genau benennen kann. Ich habe nichts Bestimmtes verloren – eher einen Zugang, oder eine Leichtigkeit, oder eine bestimmte Art, etwas zu sehen. Auf Kunst zu sehen, auf Kunst als Arbeit, als Tätigkeit, als Spiel, als eigene Welt, als meinen Beruf. Entweder ist es nur ein vorübergehender Verlust, oder ich muss tatsächlich einen ganz neuen Zugang finden.

In der Regel möchte ich nicht zurück. Ich glaube nicht an ein besseres Früher, und ich kenne auch keins. Aber es gibt in hoffentlich jeder Vergangenheit kleine Momente und Nischen, in denen es gut war, in denen etwas Wertvolles liegt – und nach denen suche ich gerade. So, wie man im Geist die gegangenen Wege nachgeht, wenn man etwas verloren hat: In der Hoffnung herauszufinden – noch rechtzeitig herauszufinden! –, wo es sein könnte. Neulich fand ich in meiner Daily Newspaper (Pinterest) some advices for young artists von Vivienne Westwood:
1 read
2 go to art galleries
3 learn the names of plants
Und mir fiel wieder ein, wie es sich angefühlt hatte, als Kunst neu für mich war: Die Sommer in den Pinakotheken in München, als wir mit dem Schüler*innenticket religiously so gut wie jeden Tag dorthin fuhren statt ins Freibad oder an den Weiher. Wir zeichneten im Museum, auf der Zugfahrt hin und zurück, montags zuhause auf der Terrasse mit kalter Limonade. Die Zeit, die ich während meines Sozialen Jahres damit verbrachte, meine Mappen vorzubereiten – nachts, nach der Arbeit, am Wochenende. Zeit, die sich irgendwie heilig anfühlte – und wie gestohlen zwischen zwei Jobs, obwohl sie doch »meine« war. Vielleicht ist es einfacher, an etwas festzuhalten, wenn man das Gefühl hat, es irgendwie verteidigen oder rechtfertigen zu müssen. Und wenn es noch ganz unbekannt ist. Wenn es sich so anfühlt, als entdecke man es ganz für sich allein – während man gleichzeitig Verbündete hat.

Im Laufe der vielen Jahre, in denen ich selten überlegt habe, was »Kunst« ist und es meistens als etwas begriffen habe, womit ich meine gestohlene Zeit verbringe und das ich zu spielen und zu lösen versuche wie ein Rätsel, sobald ich aufwache oder warte oder Musik höre oder schwimme oder laufe (außer bei tatsächlichem Liebeskummer) – im Laufe dieser Jahre war sie vieles: Eine Sprache ohne Worte (eine Erleichterung), eine Art zu leben, die wahrscheinlich unschädlichste Religion der Welt, des Kaisers neue Kleider, materialisierte Gedanken, gedankliches Material, aus dem Ruder geratene Forschungsarbeit, ein Spaziergang in einem Traum.
Von Anfang an war sie aber – bevor ich das Wort »Kunst« überhaupt kannte oder erfuhr, dass es ein Beruf sein und man es studieren kann – für mich ein Ort, an den ich immer gehen kann.
Neulich sagte jemand zu mir, dass die eigene künstlerische Arbeit für sie immer ein geheimer Schutzraum vor jemandem war: Der einzige Ort, an den ihr niemand folgen konnte. Und dass sie diesen Ort jetzt, wo diese Person nicht mehr da ist, nicht mehr braucht. Darüber habe ich sehr lange nachgedacht. Ich habe es verstanden und auch irgendwie nicht.
Was ich jetzt aber tatsächlich verstanden habe, ist, dass ich diesen Ort, der für mich eine Welt ist, schützen muss. Dass das zu meinem Beruf dazu gehört und ich anscheinend verpasst habe, das zu tun. Vielleicht habe ich mich zu sehr ablenken lassen, vielleicht hat sich der Weg dorthin ein bisschen geändert oder sogar sehr, vielleicht habe ich etwas mitgenommen oder hineingelassen, das dort nicht hingehört. Ich denke, es ist von allem ein bisschen, besonders vom letzten.
Jetzt weiß ich nicht wirklich, was ich tun soll, aber ich lebe ja auch zum ersten Mal.
Zunächst habe ich eine nummerierte Liste geschrieben, denn das beruhigt und vermittelt das Gefühl, zu wissen, wie das Leben geht:
1. kopieren, kopieren, kopieren
2. lesen, was die anderen schreiben, hören, was sie sagen, sehen, was sie tun
3. derweil nichts weiter tun als Joghurt im Bett zu essen (denn das wurde mir empfohlen)
Und solange mir zu tun nichts einfällt, dessen Sinn ich nicht sehen oder fühlen kann, muss ich auch nichts tun.
Ich kann einfach hier im Bett sitzen und essen, warten, lesen, schreiben, zeichnen, und es ist nur einer meiner Tage, den ich nicht stehlen muss, um ihn zu meinem zu machen. Und irgendwann passiert etwas oder auch nicht, wahrscheinlich aber schon, und niemand außer mir weiß davon.
Was nicht heißt, dass es weniger wahr ist.

Elvos’s comfort scents sind Weihrauch, Tierfell, Tomatensträucher im Regen.
Elvo Axt (b. 1993, Karaganda, Kazakhstan) is an artist based in Berlin. They studied under Rita McBride, Christopher Williams, and Gregor Schneider at the Kunstakademie Düsseldorf. Their practice works conceptually across image, text, and sculpture, exploring themes of hauntology, surveillance, and gender.
Works by Elvo Axt
Text & Concept by Thea Mantwill



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