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photos by Samira Hiam Kabbara

voyage of a cloud

2021

17,2 x 11,8 cm

50 Seiten

1. Auflage, 12 Exemplare

Hardcover mit Sticker, Klebebindung, Buchrücken mit gelbem Leinen

Inhalt

voyage of a cloud

Essay von Thea Mantwill

heartshaped box

Interview mit Melanie Höhn (TM)

into the white

Interview mit Björn Knapp (TM)

how to wave hands like clouds

Ausstellungstext von Melissa Blau

Hebdomeros (Giorgio de Chirico)

Auszug

voyage of a cloud

Wolken formen sich durch die Verdunstung von Wasser und gleiten zwischen der Erde und den oberen Regionen der Atmosphäre dahin (1).

Manchem Anfang wohnt ein Zauber inne, manche enden in Ernüchterung, alle vermutlich in einer Erkenntnis, die mehr oder minder einfach in Worte zu fassen ist. Wir beginnen in Hoffnung und Unrast, pendelnd zwischen Hybris und Minderwertigkeitsgefühlen, Schüchternheit und Übermut, dem Bedürfnis, etwas zu sagen, und der Angst, nichts zu sagen zu haben – einer Hierarchie unterliegend, die wenig Spielraum lässt und in der es gleich-zeitig ein Privileg bedeutet, überhaupt einen Platz zu erhalten. Ein notwendiger Balanceakt, Demut gegen-über den Möglichkeiten und Ressourcen, auf die man Zugriff hat, und der Freiheit, die in der »Lücke« liegt, in der man sich befindet, zu empfinden und gleichzeitig auf dem Platz, den die eigene Arbeit braucht, und der Zeit, die man selbst braucht, zu beharren, die bei jedem eine andere Form hat und doch das gleiche bedeutet: arbeiten können, und leben können.

Wolken sind Teil eines unaufhörlichen Austauschs zwischen Flüchtigem und Irdischem, die zwischen Formlosig-keit und Form fluktuieren(1).

Die Vorstellungen und Bilder von Freiheit, die bereits produziert und vorgeschrieben wurden, sind manchmal zutreffend, häufig verkitscht, selten gefährlich: der einsame Wanderer (bewusst nicht gegendert), alleine sein, aber abends trotzdem immer angerufen werden, Melancholie mit Fußbodenheizung, Auto fahren, unabhängig

sein (wovon auch immer), »tu, was du willst«, Zigarettenwerbung, was will ich denn, Lederjacke, nein, keine Lederjacke, vor allem nicht zu Turnschuhen. Das wichtigste Material, das ich ausfindig machen konnte, ist nicht Freiheit – die in einem kapitalistischen System wie das, in dem wir leben, längst Produkt und damit käuflich geworden ist – sondern Langeweile. Auch diese kann Privileg sein, manchmal muss man sie sich leisten können, aber wer hält die Langeweile schon aus, wen er*sie sie umgehen kann: nahezu niemand. Die Langeweile

ist ein schwer zu erhaltender, nicht hervorzurufender und kaum auszuhaltender Zustand, ein Ergebnis der perfekt portionierten Zutaten: Prokrastination, genügend Nahrungsmittel, kein Geld für Unterhaltungsmaß-nahmen, Überforderung, Unterforderung, Existenzangst, eventuell eine Prise Saudade. Ein Zustand, dem schwer zu entkommen ist und den man vermisst, sobald er nicht mehr da ist. Ein fruchtbarer Zustand.

Die Wolke wurde sowohl mit dem Leben spendenden Regen als auch mit dem Fruchtbarkeitsprinzip selbst assoziiert, das die empfängliche Erde aktivierte (1).

Fruchtbarkeit muss in einem binären System passiv gedacht werden: Bock oben, kein Bock unten. Aber auch das binäre System muss gedacht werden, da es ein vom Menschen entwickeltes und teilweise unerklärlichen Prozessen übergestülptes Konzept ist – im Sinne der Effizienz und im Gedanken an den uns alle betreffenden permanenten Zeitmangel denken wir es jetzt also nicht mit. Fruchtbarkeit, Befruchtung und Geburt ist ein Kreislauf, sowie  Krankheiten, Entwicklungen jeglicher Art, Übertragungen jeglicher Art, der Klimawandel, der Wasserkreislauf – jedes Glas Wasser, das wir trinken, wurde schon einmal getrunken –, Prinzipien der Gewalt, des Vertrauens, des Wissens. Ein Kreislauf bedeutet Wiederholung. Dasselbe Wasser durchläuft denselben Prozess. Doch es gibt Nuancen, Abweichungen, und es gibt auch ein Lernen, und ab einem bestimmten Zeitpunkt – Hälfte des zweiten Drittels, ca. – beschleicht einen die leise Ahnung, dass es kein Ende des Pendelns zwischen Unsicherheit, Neugierde, Existenzangst, Langeweile, Euphorie und der Angst zu Verschwinden geben wird, sondern dass das schon der Zustand ist, in dem es bestenfalls gelingt, sich häuslich einzurichten. Symbolisch gemahnt die Wolke auch an die sich unaufhörlich verändernde Bilderwelt, die in der zwischen Geist und Materie angesiedelten Natur der Psyche treibt(1).

Karacho, Kernkraft, Ketamin, Ketose, Kakademie, Kolumbarium, Krematorium, Kinder Kunst Klub, Koks, Kakao, Kaffee, Kalauer, Kanalisation, Kapital. Irgendwer hat immer einen Preis gewonnen, und irgendwer beendet immer gerade seine*ihre Therapie. Ich würde lieber über die Therapie reden: verschwundene Tage, vergessene – oder absichtlich übersehene oder verdrängte – Menschen, Monate oder Jahre der Verbundenheit, des In-einem-Boot-sitzens, Momente der Verzweiflung, der Angst, der Schuld. Die Tatsache, dass wir alle unsere Eltern verlieren werden, wenn wir das nicht schon getan haben, Freunde, Geliebte, Haustiere, Schirme, Hand-schuhe, Bücher, Ketten, Geschenke und vielleicht unseren Verstand. Wenn »Kunst« von »künstlich« kommt, ist es nicht das, was ich machen will. Glücklicherweise kann ich aber machen, was ich will, ohne dass es mir zuvor jemand empfehlen muss. Wer hätte das gedacht.

In Wolken sehen wir Engel, Drachen und Tiere, geometrische Formen und religiöse Symbole, die den Hinter-grund der psychischen Prozesse bilden(1).

Ich war einmal in meinem Leben auf der Biennale, da habe ich genau eine Arbeit gesehen, und zwar den ganzen Tag lang: ein Video von Joan Jonas. Ich sah: Felsen, weiße Gewänder, Kinder, Hölzer, Fahnen, Fächer, Tiere, Gras, Wald und am Ende den obligatorischen Pudel (er sah aber ganz nett aus). Und ich hatte das Gefühl, all das aus den Augen einer sehr alten – im Sinne von »weisen« – Person zu sehen, unvoreingenommen, offen, milde und frei von Angst, Wut oder Schuld (die einzige Art von Freiheit von, die vielleicht tatsächlich interessant ist). Damit ich nichts vergesse, saß ich dort von Anfang bis Ende und versuchte, mir alles einzuprägen, jede Note, jede Sequenz, jede Empfindung. Es hat fünf Jahre gedauert, bis ich das Lied von Jason Moran gefunden habe, das in dem Video gespielt wird, und sobald ich es höre, weiß ich alles wieder. Jede Note, jede Sequenz, jede Empfin-dung, und was eigentlich wirklich will: den Pudel finden, bevor er mich findet. Übrigens möchte ich, dass alle den Pudel finden. Nicht weil wir alle so besonders, sonderlich, sonderbegabt sind und besonders viel zu sagen haben, sondern weil wir nun mal alle den Pudel suchen. Ich hoffe, dass in naher Zukunft (jetzt!) wenigstens alle  Gelegenheiten und Ressourcen erhalten, angepasst an ihre Ausgangslage, dass Künstler*innen und ihre Arbeiten tatsächlich zumindest teilweise als Spiegel der Gesellschaft und im Sinne eines bildenden Tuns funktionieren können und wollen, dass Institutionen ihre Positionen und Prozesse im Sinne des Fortschritts und nicht zur Aufrechterhaltung verkrusteter Strukturen regulieren und ich hoffe, in einer Zeit zu leben, in der diese Hoffnung nicht allzu naiv ist. Eine Einbahnstraße ist seltenst der Beginn eines Kreislaufs, und ohne Anfang kein Zauber, keine Ernüchterung, keine Erkenntnis – kein Pudel.

(1) Das Buch der Symbole, Taschen 2010, S. 58