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    the club / eine Kurzgeschichte

    THE CLUB eröffnete im März, als die Luft sich weigerte, wärmer zu werden, aber auch nicht mehr schneidend kalt war. Ein unentschiedenes und ungemütliches Wetter, das die Leute in der Annahme, sich etwas Gutes zu tun, zu entspannen und natürlich dabei gesehen zu werden, in THE CLUB hinein trieb. Die schmucklose, aber edle Außenfassade warb mit »tiefgehender Reinigung« eines Körpers, der zuvor »unter einem ganz neuen Blick auf seine Landschaft« sichtbar würde, bevor »die Spuren des Alltags, der Vergangenheit von der Haut gewaschen« würden. Was zunächst die Note eines kruden, etwas übertriebenen Hygienekonzepts trug, zeigte sich spätestens nach dem Verlassen der warm beleuchteten, mit Schiefersteinen verkleideten Umkleideräume in den Badesaal hinein als verführerisch und sanft, scheinbar ungefährlich: die fünf Becken, von denen vier nebeneinander lagen und eines – das letzte – erhöht, über einige große Stufen aus hellem Stein erreichbar, erstrahlten alle in verschiedenen Farben, unbekannt und wechselhaft, schwer zu benennen. Auch die Düfte, die sich dampfend im Raum verteilten, rochen fremdartig und doch seltsam anziehend.

    Schnell sprach sich herum, dass die Wasser der vier unteren Becken, allesamt unterschiedlich und ungewohnt schwer, eine eigenartige, unheimliche Wirkung hatten: sie ließen Spuren auf der Haut sichtbar werden. Mal waren es tatsächliche Abbilder von Berührungen, die einmal auf diesem Körper stattgefunden haben mochten – Fingerabdrücke, Druckspuren, Quetschungen, Würgemale, Hämatome – mal waren es Worte, die ausgesprochen wurden und getroffen haben: teilweise noch lesbar, manchmal so viele, so zerstörerische Worte, dass sie eine einem Bluterguss gleiche Wolke auf einzelnen Stellen oder ganzen Arealen eines Körpers bildeten. Folgte man der nummerierten Choreographie der Becken – und das musste man, ein stattlicher Herr in einem Anzug aus weichem, schimmerndem Stoff verfolgte das genau und wies einen bei Nichtbeachtung leise und sehr bestimmt darauf hin – bildeten sich nach dem zweiten Becken bereits Schatten, die anzeigten, wo sich nun die verborgene Landschaft des Körpers herausarbeiten würde, nach dem dritten waren Linien und besonders dunkle Flecken deutlich sichtbar und nach dem vierten erstrahlte die Haut, ähnlich bezeichnetem Pergamentpapier, in einer Chronologie der Verletzungen und der zwischenmenschlichen Gewalt, die bisher sorgsam in gepflegten Einfamilienhäusern unter Verschluss gehalten worden war – denn THE CLUB war natürlich nicht eben günstig.

    Im Konzeptpapier von THE CLUB stand in einem Nebensatz, mitten in einem Textblock, der die »geheime Formel« und deren »nachhaltig und tiefgründig heilende Wirkung« jedes einzelnen Beckens pries, etwas von einer »Auslese« und von einer »besseren, reineren Person«, die THE CLUB nach dem Bade verließ – eine Theorie aus dunkler Quelle und mit bedrohlichem Unterton, die gern überlesen und ignoriert wurde, denn: man ging nun in THE CLUB. Man ging, sich zu reinigen und zu läutern, damit alle wussten, dass man sich seiner Male und Demütigungen entledigt hatte.

    So schnell wie sich die seltsame Wirkung der Wasser in der kleinen Stadt herumgesprochen hatte, so schnell erstarb auch das ausgelassene Plappern und Plaudern über die Steinränder der Becken hinweg, das THE CLUB in den ersten Tagen noch erfüllt hatte – man hüllte sich beim Verlassen der auf der unteren Ebene gelegenen Becken in große Badetücher und in Schweigen, so dick wie der verstörend gut duftende Nebel im Bad. Im Wasser dagegen wurde getuschelt, ab und an und wurde ein Zischen oder ein Halbsatz über dem weißen Rauschen des Wassers in der Halle hörbar, bevor man sich dämpfte und es wieder erstarb. Denn abgesehen davon, dass es natürlich eine Schande war, diese Male zu tragen, gab es doch ein Ranking unter den Badenden: lächerlich, wer es wagte, nur mit ein paar Worten oder Druckstellen am Oberarm in das reinigende, heilende, letzte obere Becken zu steigen. Bemitleidenswert, wer an einer Körperstelle besonders viele Worte trug, die – Gott bewahre! – vielleicht sogar noch lesbar waren und, nach dem Urteil des Fachpu-blikums auch noch stimmten. Fachpublikum war, wer gerade im Wasser saß, Empfänger*in des allgemeinen Urteils wurde, wer sich unter den strengen Augen des Herren im Anzug nach Ablauf der für das jeweilige Becken vorhergesehenen Badezeit daraus erhob und eilig, aber nicht hastig, zu seinem Handtuch oder Mantel schritt, um sich darin einzuhüllen und zu sehen, ob im Folgebecken schon ein Platz frei war.

    Das Urteil wurde übermittelt und entgegengenommen über Blicke: wer einen schockierten, aber respektvollen Blick erhielt, hatte sich ein positives Urteil verdient (Respekt und Achtung gegenüber der Einsicht, dieses Bad aufsuchen zu müssen, und dem Mut, es auch getan zu haben) und trug es mit erhobenem Kopf und gemessenen Schrittes, denn man rannte nicht im Badesaal, egal wie beschämend, tief und leicht lesbar die Worte, wie leuchtend bunt und groß die Flecken auf der Haut auch waren. Sie wurden ja abgewaschen, man wurde von ihnen befreit, tiefengereinigt, ausradiert und getilgt wurde die Schmach und nicht nur das: die saubere Haut erstrahlte in neuem Glanze, schien ein besonderes Schimmern zu haben, eine Art Schutzfilm wie das Gefieder einer Ente, an der das Wasser abperlt. So entstieg man dem letzten Becken, die Stufen hinab, langsamer und würdevoller als aus allen anderen Becken zuvor, unter den Augen des Publikums. Dies war der einzige Moment, in dem ein hörbares Raunen, manchmal sogar – je nach Bekanntheitsgrad der hinabsteigenden Person und der Schwere ihrer abgewaschenen Male – ein leichter Applaus oder ein kurzer Ausruf, durch die leicht neblige Halle wanderte.

    Dafür ging man in THE CLUB.

    Mit der nun zum Geschehen passenden, unausgesprochenen Etikette hatte sich natürlich auch das Publikum von THE CLUB verändert: das dezent geschminkte Wellness-Publikum in knappen Tüchlein auf hohen Badeschuhen war ohnehin schnell verschwunden, aber zwischenzeitlich hatte es auch einen kurzen Hype in der Szene gegeben, in der Lust auf Schmerz basiert, als einige Subs sich beeilten, das Bad aufzusuchen, um ihren Geliebten und Verehrten die Landmarken und Muster zeigen zu können, die sie auf ihnen hinterlassen hatten. Aber das konnten sie nicht. Denn zu ihrer Überraschung wurde auf ihrer Haut nicht die Form von Gewalt sichtbar, in der sie ihre Heimat fanden, sondern diejenige, die manche von ihnen in dieser fragilen Heimat zu vergessen suchten: nämlich die, die sie ursprünglich getroffen und gezeichnet hatte. Die meisten von ihnen kamen nicht wieder. Aber alle waren folgsam und bedrückt in das letzte Becken gestiegen, um die Spuren derer, an die sie sich nicht erinnern wollten, zu tilgen.

    Auch kam es in der Anfangszeit zu zwei, drei sehr unangenehmen Zwischenfällen – die entgegen der üblichen Gepflogenheiten in der kleinen Stadt gar nicht so sehr besprochen und verbreitet wurden wie andere derartige Geschehnisse –, als Mütter versuchten, ihre Kinder mit ins Bad zu nehmen. Dies wurde schnell unterbunden, mit der Begründung, dass Kinder zwischen gänzlich unbekleideten Erwachsenen überhaupt nichts zu suchen hätten und auch keine Spuren trügen. Desweiteren gab es, zur allgemeinen Befriedigung, selbstverständlich auch einen Skandal, der sehr wohl besprochen und weitererzählt wurde, nämlich den der Frau des Bürgermeisters, die bereits aus dem zweiten Bad mit deutlichen Spuren gestiegen war, aus dem vierten jedoch so grausam verfärbt von leuchtenden Farben – tiefdunklem Neapelgelb, beinahe ins Orange gehend, sattem Lila, Indigoblau, leuchtendem Schwarz –, dass man kaum noch ein freies Fleckchen Haut sah. Aber sie hatte alles richtig gemacht: ohne mit der Wim-per zu zucken, war sie von Becken zu Becken spaziert, stoisch und unbeeindruckt, und ohne ein einziges Mal in die schockierten Gesichter des Publikums zu blicken, zum letzten Becken hinauf und danach, mit ebenmäßiger, glatter schimmernder Haut, wie imprägniert wieder hinunter. Kein Wort hatte sie währenddessen dazu verloren, kein Wort danach. Stattdessen kehrte sie regelmäßig wieder, mit neuen Flecken – nicht so brachiale wie zum ersten Mal, aber doch beachtlich –, bestand so auch immer in den Augen des urteilenden Publikums, hielt sich an die Etikette der Badenden, beteiligte sich an ihrem Klatsch und ihrem Flüstern und verließ das Bad schimmernd und erhobenen Hauptes, bis zum nächsten Mal.

    Denn das Schimmern hielt nicht unendlich an. Es war (zumindest offiziell) unklar, warum und wie schnell es sich abtrug, doch bei den meisten verblasste es irgendwann, bis es ganz verschwunden war und die Haut – zumindest im Vergleich zu vorher – etwas trüb erschien. Dies war ein Stadium, in dem man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder genug Male, welcher Art auch immer, trug, um das Bad besuchen zu können und gern gesehen zu sein. Denn jemand, der beinahe so unversehrt hineinspazierte, wie er oder in den meisten Fällen sie, wieder hinaus lief, hinterließ bei denjenigen, bei denen ein Besuch offensichtlich unerlässlich war, ein unangenehmes, Scham-ähnliches Gefühl, auch wenn darüber nicht offen gesprochen wurde. Das Urteil des Publikums nach dem vierten Becken sagte schon genug.

    Auch darüber, warum der Effekt der gereinigten Haut bei einigen monatelang hielt, bei anderen nur wenige Tage, wurde nicht gesprochen, zumindest nicht laut. Warum sollte man etwas so deutlich Sichtbares auch noch aussprechen.

    Jedenfalls gehörte es nun zum guten Ton in der Stadt, das Bad mindestens einmal – selig, bei wem das lange vorhielt – zu besuchen, zumindest als weiblich gelesene Person. Bei männlich gelesenen Personen wurde zwar nichts gesagt, aber ein längerer, missbilligender Blick auf die gesund und stark wirkende, silbern schimmernde Haut sagte alles: was hatte man dort zu suchen. Oder auch: wie konnte das passieren – ein Gedanke, der zu äußern im Bezug auf einen weiblich gelesenen Badegast ein Tabu war und blieb.

    So hatte das Publikum von THE CLUB sich gebildet, den sozialen Rahmen und die ungeschriebenen Regeln festgesteckt und damit die Messlatte für soziale Akzeptanz höher gelegt: diese Haut war es, die es zu tragen galt, wollte man als rein und stark gelten.

    Mit der Zeit musste THE CLUB die Öffnungszeiten anpassen. Man konnte es früher besuchen oder länger bleiben, auch sonntags und an Feiertagen konnte man sich nun reinigen, schließlich mussten die Gäste sogar vorab buchen, damit die Becken nicht überfüllt waren oder vor THE CLUB eine zu lange Schlange stand. War der Anstieg der Badenden anfangs den Stadtbewohner*innen zuzuschreiben, die erst sparen mussten, um sich einen Besuch leisten zu können, wurden neuerdings zunehmend Fremde wahrgenommen, die nur wegen des Bades in die ansonsten recht unaufregende Kleinstadt gekommen waren.

    Aufgrund der tiefgreifenden Erfahrung im Bade wirkte sich das Auftauchen fremder Gesichter und Körper jedoch nicht länger negativ auf die Gemüter aus: hielt sich die Person an die Etikette – nur unauffällig starren; wer im Becken sitzt, ist richtendes Publikum; wer steht oder geht, ist Objekt der Betrachtung und Beurteilung und darf sich nichts anmerken lassen, weder im Positiven (stolz zur Schau getragene Versehrtheiten) noch im Negativen (Unsicherheit, Scham, Verstecken); Auf- und Abstieg zum letzten Becken sind lässig langsam zu gestalten – gehörte sie für die Dauer des Bades zu den Einwohner*innen der Stadt, die stolz, als hätten sie es selbst gebaut, im Bade saßen und ohne zu murren einen horrenden Beitrag für jeden weiteren Besuch entrichteten.

    Wer sich an die Regeln hielt, gehörte dazu, vom ersten, zaghaften Betreten der Halle, in ein übergroßes Badetuch gehüllt und schüchtern nach den anderen spähend, bis zum gemächlichen Verlassen derselben, winkend, erhobenen Hauptes, mit dem Tuch in der Hand oder locker über die Schulter geworfen. Alle freuten sich schon darauf, auf den passeggiata del trionfo, und gingen ihn besonders langsam, genüsslich jeden Meter auskostend, provozierend, an der Grenze zur aufdringlichen Trödelei entlang balancierend, das Ende des heiligen, immer zu kurzen Weges künstlich hinauszögernd.

    Bis auf Marlene. Die ging ihn erst gar nicht.

    Marlene betrat das Bad als Angehörige dieser in einem vor Ruhm, den sie auf sich selbst bezog, im Überschnappen begriffenen Kleinstadt, offensichtlich nervös, auf ihrer Unterlippe kauend, was sie zunächst einmal als nicht allzu gern gesehenen Gast deklarierte. Meistens ein Zeichen dafür, dass jemand sich nicht sicher war, ob die noch verborgene »Landkarte des Körpers« auch wirklich für einen Besuch von THE CLUB qualifizierte. Sie musste jedenfalls lang daraufhin gespart haben, denn ihre Eltern waren nicht vermögend und es war unklar, wovon sie nun lebte – ein an Beweisen völlig bares Gerücht war kurz vor der Eröffnung von THE CLUB entstanden, irgendetwas mit dem erhöhten Einkauf und Gebrauch von Räucherstäbchen, Männerbesuchen und Vorhängen, und mit der Release-Party des Bades einen plötzlichen und stillen Tod gestorben. Jedenfalls ging sie schnell und still durch das übertrieben große Eingangstor, den Kassenbereich, die Umkleide und schnurstracks ins erste Becken, wo sie ungeduldig auf den Ablauf der Zeit zu warten schien. Sie starrte stur geradeaus ins Wasser, wo sie in der unsteten Bewegung einen festen Punkt fixierte, blind für die neuartigen Farben und die aufgeregte Sprache des Wassers und taub für die vorsichtige Ansprache durch die anderen Gäste ihres Beckens, die nach und nach verstummten und schließlich in ein vorwurfsvolles Schweigen verfielen. Auch das bemerkte sie nicht. Mit Ablauf ihrer Zeit – markiert durch Blickkontakt und ein knappes Nicken des Herren im seidenen Anzug, der nur selten seine Stimme erheben oder sogar zu einem Becken gehen musste, um jemanden zum Weiterziehen zu bewegen – erhob sie sich ruckartig und stapfte, ohne sich in ein Tuch zu hüllen und Geduld vorzuspielen, direkt ins nächste Becken. Es zeichnete sich bereits ein Schatten ab, um ihren Hals. Ungewöhnlich, nach dem ersten Bad.

    Im zweiten Bad wiederholte sich ihr Verhalten und die Reaktion der anderen, die nach und nach mit Ablauf ihrer Zeit aus dem ersten folgten und sich bereits über das unverschämte Verhalten der jungen Dame einig geworden waren, wenn sie auch aus Neugierde wegen des Schattens und einem eventuellen Grund für ihr Verhalten noch milde gestimmt waren. Hatte sie möglicherweise etwas vergessen und wollte anhand der Spuren rekonstruieren? War sie betrunken oder ohnmächtig gewesen und wollte sich von einer Vermutung oder der ihr widersprechenden Hoffnung betreffs der verschwundenen Stunden überzeugen? Das würde ihre Eile erklären. Man tuschelte leise und beobachtete sie unauffällig, im Gegensatz zu dem wachsamen Herren im Anzug, der sie ganz unverhohlen und mit einem strengen Zug um den Mund im Auge behielt. Als sie, sein Nicken ignorierend, pünktlich zu ihrer Zeit aus dem zweiten Bad stieg, hatte sich der Schatten um ihren Hals zu Flecken verfestigt, weitere waren aufgetaucht. Oberarme, Unterschenkel, Gesäß und ein seltsamer Streifen auf der Innenseite ihres Oberschenkels. Man warf sich unter hochgezogenen Augenbrauen Blicke zu. Mittelschlimm, lautete das vorläufige Urteil. Hals: Schlimm. Bauch und Gesicht dafür unversehrt. Es blieb spannend.

    Im dritten Bad schien sie sich rätselhafterweise etwas zu entspannen, auch wenn sie ihrem vermeintlichen Ziel ja nun näher kam und eigentlich ungeduldiger hätte werden müssen. Sie hörte teilweise den leisen Gesprächen – die natürlich über andere Gäste geführt wurden – zu, sogar recht aufmerksam, und suchte ab und zu Blickkontakt, mit einem unmerklichen Nicken, wenn sie auch nicht lächelte. Auch der Wächter wurde etwas lockerer und ließ den Blick schweifen. Doch auf dem Weg vom dritten zum vierten Bad ließ Marlene sich ungewöhnlich viel Zeit: sie bedeckte sich schon wieder nicht, ging auch nicht in Richtung des vierten Bades, sondern betrachtete ihren Körper, suchte sogar einen Spiegel, den es in der Halle natürlich nicht gab, denn bei THE CLUB »halten wir an Vergangenem nicht fest, sondern machen es sichtbar, um es endgültig verschwinden und ziehen zu lassen«. Eine Journalistin, die im Bezug auf diesen Auszug des Konzeptpapiers geschrieben hatte, dass es keine größere Überraschung sei, »eine solche Freude an der Eliminierung von Spuren realer Gewalt und einer falschen, nur für bestimmte Menschen gemachten Pseudo-Hygiene-Vorschrift in einem Land mit einer solchen Historie zu finden«, hatte sich sowohl ihr Hausverbot als auch eine Unterlassungsklage für weitere Artikel über THE CLUB damit redlich verdient.

    Marlene setzte sich schließlich, als sie keine spiegelnde Oberfläche fand, auf einen der zur Dekoration wie zufällig um die Becken verteilten Felsen und fing tatsächlich an, die Spuren zu untersuchen, mit den Fingern nachzufahren, ja, die Worte, die dazwischen zu finden waren, zu lesen … das hatte bisher noch niemand getan. Vor allem deswegen, weil der Wachherr es sofort unterbrach, was er auch diesmal tat, woraufhin es zu einem kurzen, wegen der Akustik der Halle leider für das Publikum unverständlichen Wortwechsel kam, bis Marlene sich erhob und unter dem durchdringenden Blick des Mannes, der überall anders unverschämt gewesen wäre und es vielleicht, wenn man die hohe Gebühr für THE CLUB kurz vergäße und es sich ehrlich eingestünde, auch hier war, in das vierte und letzte Becken schritt. Es war deutlich zu sehen, dass sie unter Wasser weiterhin ihre Versehrtheiten und Male betrachtete und zu lesen, vielleicht sogar sich einzuprägen versuchte, aber der Wachmann konnte in diesem Moment nichts tun, als sie wütend zu fixieren, da ein Einschreiten in die Szene eine Störung der Gäste im gesamten Becken bedeutet hätte, die versuchten, das Ganze durch ungezwungenes Flüstern etwas zu normalisieren. Auch wenn natürlich nichts daran normal war. Marlene hing zu sehr an ihren Verletzungen, nahm sie zu wichtig, es schien sogar, als wollte sie gar nicht davon lassen – und das war völlig gegen das Konzept von THE CLUB.

    Schließlich erhob sie sich aus dem vierten Becken, stieg die Stufen zum fünften, heiligen Becken hinauf – hastig, ohne es auszukosten, ohne die sakrale Stimmung, die sich in diesem Moment normalerweise ausbreitete, aufkommen zu lassen – blieb auf der obersten Stufe stehen, sah auf das Becken hinab, das gerade leer war, und spuckte hinein. Dann drehte sie sich um, ging, mit einem fragenden und gleichzeitig provozierenden Blick zu den Badenden an den anderen Becken vorbei zu ihrem Badetuch. In diesem Moment hörte man in der Halle tatsächlich nichts als das Wasser, das sich ungerührt und wertfrei weiter bewegte und die darin erstarrten Körper weiter wusch und veränderte.

    Bis der Wachmann auf sie zustürzte und sie ohne Umschweife in das letzte Becken zu zerren versuchte, nicht ohne Kraft, die hier fehl am Platz war, denn schon bildeten sich an ihren Armen neue Male, die ihn derart irritierten, dass er versehentlich von ihr abließ und sie entkam, in ihrem Badetuch, durch die Umkleide hindurch, an den verdutzten, immer leicht schimmernden Kassendamen vorbei.

    Natürlich hatte das ein Nachspiel, das wohl schnellste juristische Nachspiel in der Historie dieser Kleinstadt vermutlich: Marlene erhielt Hausverbot und außerdem eine Klage, die sich auf etwas Kleingedrucktes in der Hausordnung bezog. Doch sie kam wieder. Schon am nächsten Tag stand sie, übersät von Hämatomen, mit einer dunklen Wolke aus Hass und Gewalt um ihren Hals, genau an der Grenze zum Hause von THE CLUB und wartete und rauchte. Das war am Montag, und sie zog die Journalist*innen, die für THE CLUB gekom-men waren, an wie die Fliegen, wenn sie auch teilweise kryptisch antwortete. Auf die Frage, auf wen oder was sie denn warte, sagte sie:

    — Auf die anderen.

    Am Dienstag war noch mehr Presse da, und sie trug ein T-Shirt, auf dem stand:


    ERASURE OF TRACES
    IS NOT ERASING MEMORY

    Und sie blieb nicht lang allein. Am Mittwoch waren sie bereits zu dritt, und nachdem zwei jungen Damen am Donnerstag der Zutritt verwehrt wurde, weil sie keine Taschen dabei hatten und sich damit als Anhängerinnen Marlenes entpuppten, kamen sie am Freitag alle mit Tasche: eine lange, sich um das Gebäude windende Schlange aus Personen mit schwerem, bisher unsichtbar gebliebenen Gepäck, für das nun endlich eine wortlose Sprache gefunden worden war, härter als jedes Wort es sein könnte, unumstößlicher als jeder Beweis.


    __


    THE CLUB ist eine Kurzgeschichte, die als Teil einer Künstler*innenpublikation in der Ausstellung 13 MORGEN im KIT gezeigt wurde. Die gleichnamige Szenografie, in der die Geschichte gelesen werden konnte, lehnt mit bequemen Liegen, bestickten Handtüchern und dem Plätschern eines Brunnens an einen Wellnessbereich an.

    © Thea Mantwill

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